TEL AVIV PRIDE (Israel)

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QUINTESSENZ


Tel Aviv-Jaffo ist nicht nur Israels Zentrum für Kultur und eine wunderschöne, sonnige Metropole direkt am Mittelmeer, sondern auch die wohl aufgeschlossenste und homofreundlichste Stadt des gesamten Nahen Ostens – also quasi das Amsterdam des Orients. Grundsätzlich können sich Tel-Aviv-Reisende auf verschiedene Partys, Veranstaltungen, einen eigenen schwulen Strandabschnitt, das Tel Aviv LGBTQ Center und vieles mehr freuen.

Wenn jedoch wie jedes Jahr Anfang Juni der Tel Aviv Pride stattfindet, wird eine Woche lang ein noch vielfältigeres Rahmenprogramm aufgefahren. Dazu zählen neben der eigentlichen Parade mit kostenloser Party am Mittelmeer (2017 am 09.06.) auch noch aufregende Events wie ein Rave im Wasserpark, Konzerte und DJ-Sets sowie ein herausragendes queeres Filmfestival, das TLVfest, mit vielen internationalen Gästen und eigenen Partys.

 


 
Teilnehmer des Tel Aviv Prides gehen die Strandpromenade vor der US-Botschaft mit langer Regenbogen-Flagge und dem Hotel Isrotel vorbeiTel Aviv Pride, CSD, Vater Hand in Hand mit Sohn, beide tragen Regenbogen-Flaggen, sowie Frau in Regenbogen-Kleid laufen durch die Straßen Tel Avivs

PRIDE-PARADE


Die Stadtverwaltung gibt nach eigener Aussage jedes Jahr umgerechnet fast eine Million Euro für LSBT-Projekte und den Pride aus. Ungewöhnlicherweise wird die CSD-Parade von der Stadt und nicht wie sonst üblich von der Szene selbst organisiert. An dieser Summe dürften sich auch gern andere homofreundliche Großstädte wie Tel Avivs Partnerstadt Köln ein Beispiel nehmen. Zusätzlich schaltet das Ministerium für Tourismus des Staates Israels weltweit Werbung für den Pride, um Tel Aviv als schwules Reiseziel zu festigen (Kritischeres dazu weiter unten). Das schöne Wetter und die Werbung zahlen sich aus, denn mit fast 200.000 Teilnehmern im Jahr 2016 ist der Tel Aviv Pride der größte in ganz Asien.

Die Demo, vielmehr Parade, beginnt am Freitagmittag im Meir-Park (Gan Meir), wo sich die Teilnehmer bis zum Mittag sammeln. Dann setzt sich der bunte Fußmarsch durch die Tchernikhovski-Straße und die Bograshov-Straße in Bewegung Richtung Strandpromenade. Dort angekommen fahren auf der breiten Retsif-Herbert-Samuel-Straße auch einige Wagen mit Musik gen Süden. Die Parade endet am Charles-Clore-Park (Gan Charles Clore) am Ende des Strands, wo eine große Bühne aufgebaut ist. Die Pride-Teilnehmer können dort kostenlos weiterfeiern, Getränke kaufen und das Live-Bühnenprogramm genießen.

Was grundsätzlich bei dem heißen Wetter in Israel zu empfehlen ist, gilt erst recht bei einem langen Pride-Tag: viel trinken und luftige Kleidung, sich aber gleichzeitig vor einem Sonnenbrand schützen. Du denkst vielleicht: „Ja, Papa“, aber es kann nie oft genug gesagt werden.

 

 


DER SCHWULE STRAND


Selbstverständlich kann man das ganze Jahr über an den schwulen Strandabschnitt gehen. Aber zum Pride tummeln sich nicht nur viele Touristen in der ganzen Stadt, sondern ebenfalls am schwulen Strand. Dieser wird wegen der Nähe zum gleichnamigen Hotel auch Hilton Beach genannt. Neben einigen festen Pavillons mit Dächern in Regenbogenfarben gibt es dort auch eine Bar, wo man Cocktails und andere Getränke kaufen kann. Während der Pride-Woche schlagen dort aber auch die Betreiber der kommerziellen Partys und Events ihre Zelte auf. So kannst du also nicht nur die durchtrainierten Körper der anderen Touristen begutachten, sondern auch gleich Eintrittskarten und Kombiangebote, Regenbogenartikel und weiteres erwerben.

Das Lustige am schwulen Strandabschnitt ist, dass er nur die Hälfte einer künstlichen Bucht einnimmt. Hinter einer hohen Abzäunung findet sich der abgesperrte jüdisch-orthodoxe Strand.

 

Zwei Kerle spielen mit einem Volleyball vor den Pavillons am schwulen Strand-Abschnitt Hilton Beach in Tel AvivViele Männer sonnen sich oder flanieren am schwulen Strand-Abschnitt Hilton Beach in Tel AvivRegenbogen-Beflaggung am schwulen Strand-Abschnitt Hilton Beach in Tel Aviv

 


PARTY IM WASSERPARK


Bei deinem Besuch in Tel Aviv wird dir bestimmt heiß. Das mag an den zu erwartenden 30 bis 40 Grad Celsius liegen. Möglicherweise aber auch am Anblick der vom Militärdienst durchtrainierten Israelis und der leckeren angereisten Gäste. Du kannst natürlich einfach ins Mittelmeer springen oder den Hotelpool aufsuchen (falls vorhanden). Aber es gibt noch etwas viel Lustigeres!

Seit ein paar Jahren bittet man am Donnerstag vor der Parade zur riesigen Party im Wasserpark. Dies ist eins der ganz außergewöhnlichen Events (zumindest aus deutscher Sicht). Der Wasserpark liegt nördlich von Tel Aviv in Shefayim und ist mit einem Busshuttle erreichbar. Hunderte, wenn nicht tausende sexy Männer tummeln sich ab dem Nachmittag auf Liegewiesen, plantschen in den Wasserbecken oder haben Spaß mit den vielen bunten Rutschen. Was nachmittags noch etwas mehr die kindliche Seite anspricht, entwickelt sich im Laufe des Abends zu einem unvergesslichen Open-Air-Beine-im-Wasser-Rave. Von einer aufwendigen Bühne aus bringen Top-DJs das Wasser zum Kochen durch die feiernde Wassergymnastik.

Alleine und Fotos am Wasser? Keine gute Idee. Finde zumindest ich. Wenn du also Bilder vom Spaß im Wasserpark sehen möchtest, schau doch mal in den Blogeintrag meiner Freunde Couple of Men oder in dieses Video von 2015.

Hier ein paar Tipps: Wenn du halbwegs früh in den Park kommst, kannst du noch einen Spint für deine Sachen ergattern. Dafür solltest du ein bisschen Kleingeld zur Hand haben. Auch sind Badeschlappen oder Flipflops empfehlenswert, denn nachmittags werden die Wege zu heiß zum Barfußlaufen.
 


TLVFEST


Zwei Tage länger als das eigentliche Pride-Rahmenprogramm dauert das TLVfest. Das Filmfestival wurde 2006 gegründet und hat sich in nur wenigen Jahren zu einem der spannendsten Queerfilmfestivals der Welt entwickelt. Daran ist der parallele Pride mit vielen Touristen und Partys sicherlich nicht ganz unschuldig. TLVfest tauchte schon mehrfach in den Top 10 der nicht zu verpassenden Queerfestivals auf. Bei so viel Sonnenschein und so vielem, was in der Stadt los ist, lockt dies schon einige bekannte Gäste. Darunter waren die Schauspieler Alan Cumming, Lea DeLaria („Orange Is the New Black“) und Jay Brannan („Shortbus“), Wieland Speck (Leiter der Berlinale-Sektion Panorama), und Regisseurinnen wie Jamie Babbit („But I’m a Cheerleader“), Angela Robinson („The L Word“) sowie Mark Christopher („Studio 54“).

Wer also spannende, unterhaltsame oder informative Filmneuheiten mit schwuler, lesbischer, bi- oder transsexueller Thematik sehen will, ist beim TLVfest also genau richtig. Außerdem könnte ein Besuch der klimatisierten Cinematheque eine Erholung von der Hitze der Stadt sein.

Selfie von Schauspieler Alan Cumming und Martin Wolkner, Leiter des Filmfest homochrom in Köln und DortmundSelfie von Schauspielerin Lea DeLaria und Martin Wolkner, Leiter des Filmfest homochrom in Köln und DortmundSelfie Schauspieler Ohad Knoller (Portrait von Porn-Darsteller und LGBT-Aktivisten Buck Angel und Colby Keller mit Martin Wolkner, Leiter des Filmfest homochrom in Köln und Dortmund

 


OPEN-AIR MIT OFFER NISSIM


Offer Nissim zählt zu den israelischen Top-DJs. Er produzierte aber nicht nur eigene Tracks, sondern auch die anderer Künstler. Er produzierte „Diva“, mit dem Dana International 1998 den Eurovision Song Contest (ESC/Grand Prix) gewann. Außerdem lieferte er offizielle Remixe für Madonna, Christina Aguilera und Beyoncé. 2015 und 2016 lud Offer Nissim zu einer gigantischen Pride-Abschlussparty ins Bloomfield-Stadion. Vor der Bühne mit aufwändigen LED-Visuals, Tänzern und verschiedenen DJs tanzten tausende Menschen den ganzen Nachmittag lang bis in den späten Abend.

2017 wird alles etwas anders, denn Offer Nissim gibt bereits am Samstag ein Open-Air-Live-Konzert. Dieses findet ebenfalls unter freiem Himmel statt, jedoch im Messegelände. Angekündigt wird es als Hauptparty und noch spektakulärer als in den letzten Jahren. Besucher dürfen also gespannt sein. Die Pet Shop Boys, die Offer Nissim ebenfalls remixt hat, kommen allerdings am selben Abend ebenfalls für ein Konzert nach Tel Aviv.

tanzende Menschen-Menge und Bühnen-Show bei der Open-Air-Disco mit DJ Offer Nissim im Bloomfield-Stadion zum Tel Aviv Pride 2016Carlos Vidal und Martin Wolkner (out scouting) bei der Open-Air-Party mit DJ Offer Nissim im Bloomfield-Stadion zum Tel Aviv Pride 2016tanzende Menschen-Menge bei der Open-Air-Disco mit DJ Offer Nissim im Bloomfield-Stadion zum Tel Aviv Pride 2016Selfie von mehreren Gay-Travel-Bloggern: Couple of Men, Martin Wolkner (out scouting), Troy Petenbrink, Carlos Vidal, Gian Luca Sgaggero und Dan Tracer bei der Open-Air-Party mit DJ Offer Nissim im Bloomfield-Stadion zum Tel Aviv Pride 2016tanzende Menschen-Menge bei der Open-Air-Disco mit DJ Offer Nissim im Bloomfield-Stadion zum Tel Aviv Pride 2016

 


PARTY, PARTY, PARTY!


Tel Aviv bietet so viele Möglichkeiten, abends oder nachts auszugehen, dass ich hier kaum eine Empfehlung aussprechen kann. Es gibt für jeden Geschmack und jede Musikrichtung etwas. Da wären zum Beispiel die Bars Shpagat oder Breakfast Club am südlichen Ende des Rothschild-Boulevards. Wenn du lieber tanzen willst, zieht es dich wohl mehr ins Apolo oder den Langa Club (ehemals Valium) am Anfang der Allenby-Straße. Zudem gibt es natürlich die regelmäßigen oder unregelmäßigen Riesenpartys wie die Papa Party, Tel A-Beef oder Forever Tel Aviv. Möglicherweise möchtest du aber auch lieber cruisen. Dann könnten dich die Sauna Tel Aviv, der Dungeon Club oder draußen im Freien der Independence Park am Hilton Beach locken. Am besten aber fragst du die aufgeschlossenen Einheimischen, was zurzeit angesagt ist.

Zudem gibt es einige Untergrund-Partys, die du nicht so ohne weiteres finden wirst. Dafür solltest du wirklich herumfragen. Wenn du das Glück hast, eine zu finden, dann hoffe ich stark, dass sie genauso gut ist, wie jene palästinensische Part, zu der ich 2015 glücklicherweise mitgenommen wurde. Die war äußerst spaßig. Die Musik war arabischer, aber sehr tanzbar, und die Stimmung sehr ausgelassen.

Aber achte darauf, dass insbesondere bei den palästinensischen Gay-Partys (aber auch evtl. woanders) das Fotografieren (selbst Selfies) verboten ist. Für manche Menschen könnte es um ihre Existenz oder ihr Leben gehen, wenn sie auf irgendwelchen Fotos entdeckt werden.

 

Blick auf den Park Charles Clore mit der überdachten Pride-Bühne und vielen tausenden Feiernden Tausende feiern den Abschluss der Parade des Tel Aviv Prides im Park Charles Clore, wegen der Hitze auch gerne mit freiem Oberkörper

 


DIE KRITISCHE SEITE


Auch wenn Tel Aviv sehr aufgeschlossen ist und viele Regenbogen-Flaggen und -Luftballons in der Stadt wehen, so muss dies jedoch auch mit einem kritischen Auge betrachtet werden. Immer wieder werden Vorwürfe erhoben, dass Israel mit seiner Pro-Homo-Haltung andere menschenrechtliche Problem übertüncht. Das wird häufig mit dem Begriff Pink-Washing bezeichnet. Auch kursieren Geschichten, dass der israelische Geheimdienst ungeoutete homosexuelle Palästinenser erpressen würde, Informationen preiszugeben. Aber darüber weiß ich nicht genug.

Allerdings hörte ich bei meinen Aufenthalten häufiger von Einheimischen, dass die riesigen Etats für Werbung im Ausland besser für lokale Projekte in Israel ausgegeben werden sollten. Selbstverständlich lassen die durch Werbung angelockten Touristen im Gegenzug viel Geld in Israel. Wie viel von diesen Geldern jedoch in Beratungsstellen, LSBT-Gruppen und Veranstaltungen – abgesehen vom Tel Aviv LGBTQ Center und Pride, welche die Stadt trägt – fließen, das weiß ich nicht.

Ich bin nicht politisch (informiert) genug, um dies vollständig einschätzen oder eine Beurteilung geben zu können. Vielleicht möchtest du bei allem Spaß, den du in Tel Aviv definitiv haben wirst, dir dieser vielschichtigen Situation bewusst sein. Dennoch ist mein Vorschlag, dass du mehr Aufmerksamkeit den Menschen widmest, denen du begegnen wirst. Jeden, den ich ich während meiner zwei Aufenthalte kennen lernen durfte, war wirklich freundlich, süß und warmherzig.

 


KARTE


 

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