Coburg (Franken, Deutschland)

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QUINTESSENZ


Coburg ist eines von diesen wunderschönen deutschen Städtchen, die vom zweiten Weltkrieg eher unberührt geblieben sind und deswegen mit viel alter Architektur protzen können: die Veste Coburg ist eine der größten Burgen Deutschlands. Mit nur 41.257 Einwohnern ist es gemütlich, entspannt und romantisch. Aber jedes Jahr im Juli wird Coburg von 200.000 Besuchern innerhalb von nur 3 Tagen heimgesucht. Dann findet dort das größte Samba-Festival außerhalb von Brasilien auf 11 Bühnen und mit 100 Samba-Gruppen statt. In der Region Oberfranken im Norden des Bundeslandes Bayern gelegen, ist dies nicht nur ein Ort für Geschichte und Samba, sondern auch für Bier – irgendwie.

 


ANKUNFT IN COBURG


Der Bahnhof Coburg ist ziemlich klein und bescheiden – zumindest im Vergleich mit jenen Großstadtbahnhöfen, die ich aus der Metropolregion, wo ich wohne, gewohnt bin. Dass der Bahnhof drinnen so unauffällig wirkt, hat mich etwas überrascht. Immerhin begann der Zugbetrieb in Coburg bereits 1858 und manche Adlige sollen hierher gekommen sein, um den Herzog und andere Adelsfamilien zu besuchen: darunter die britische Königin Victoria, deren Ehemann Prinz Albert in Coburg aufwuchs, der österreichische Kaiser Franz Joseph I. und der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II.

Momentan werden die Gleise erneuert für eine ICE-Verbindung, so dass Coburg in der Zukunft auch ein ICE-Halt wird. Der Durchgang von den Gleisen ist nicht sonderlich charmant, aber die ovale Eingangshalle schon eher. Die Halle stammt aus den 1910ern und wurde zusammen mit ehemaligen Wartesälen in den späten 1970ern umstrukturiert. Das Gebäude mit seiner Spätbarock-Fassade ist von außen noch etwas stattlicher.

Das Zentrum von Coburg ist nur 600 Meter vom Bahnhof entfernt. Schon bei diesem 6- bis 8-minütigen Spaziergang kann man einige alte Villen und Herrenhäuser entdecken, ehe man das Spitaltor erreicht, welches Teil der mittelalterlichen Stadtmauer war.

 


DAS STADTZENTRUM


Blick durch das Spitaltor in der alten Stadtmauer von Coburg

Die Innenstadt von Coburg kann mit vielen historischen Gebäuden aufwarten, denn das Städtchen wurde während des zweiten Weltkriegs nicht als wichtig erachtet und weitestgehend von Bombenangriffen verschont – im Gegensatz zur Metropolregion Rhein-Ruhr, in der lebe. Auch die Tatsache, dass Coburg nur 9 Kilometer entfernt war von der innerdeutschen Grenze zur ehemaligen Deutsche Demokratische Republik (DDR), dem sozialistischen Ostdeutschland und Thüringen, hat der Stadt nicht geschadet. 🙂

Ein Großteil der Innenstadt ist Fußgängerzone, gesäumt von kleinen Boutiquen und spezialisierten Geschäften, aber auch von vielen der allgegenwärtigen Handelsketten, welche deutsche Städte für gewöhnlich so austauschbar aussehen lassen. Coburgs Mischung aus kleinen Läden und Ketten mag für einen kleinen Einkaufsrausch genügen – allerdings nur für Frauen. Die männliche Hälfte der Bevölkerung und Besucher muss irgendwo anders einkaufen. Selbst die H&M-Filiale in Coburg bietet keine Männerbekleidung an.

Warum also nicht lieber einen kleinen Umweg zum süßen Warenhaus Seelenlust machen und eine ihrer vielen besonderen Schokoladen, Trüffel, Pralinen oder andere Delikatessen ausprobieren. Gegenüber vom Ladenlokal steht das wohl schmalste Wohngebäude, das ich jemals gesehen habe – zumindest so weit ich mich erinnere, und ich habe manch ein schmales Haus in Amsterdam gesehen. Das Gebäude von 1910 ist keine 3 Meter breit.

 

schmales Haus in der Webergasse in Coburg

 


MARKTPLATZ

 

Coburg Rathaus

 

Traditionell sind Märkte die Herzen einer jeden Stadt – ob in Form eines schönen Platzes wie in vielen mittelalterlich strukturierten Städten wie Coburg oder in modernen Einkaufszentren und Malls. In dieser Hinsicht ist Coburg nicht viel anders, nur eben mit altem Marktplatz. Tatsächlich hat Coburg einen sehr pittoresken Marktplatz. Dieser hat zwar nicht die strikte Symmetrie des Markusplatzes in Venedig, aber er ist umgeben von einem entzückenden und farbenfrohen Ensemble an alten Gebäuden. Das wäre sicherlich auch ein toller Hintergrund für einen Disney-Film.

Die südliche Seite wird dominiert vom sehr repräsentativen Renaissance-Bau des Rathauses mit goldener Verzierung. Die komplette Nordseite wird hingegen vom Stadthaus mit roten Fensterrahmen eingenommen – ebenfalls aus der Spätrenaissance, 1599 um konkret zu sein. Die Ostseite des Marktplatzes beheimatet einige hübsche Geschäfte, zum Beispiel eine alte Apotheke. Nun, die Westseite ist auch ganz nett, aber nicht ganz so beeindruckend, um ehrlich zu sein. Wenden wir uns also lieber der Mitte des Platzes zu, wo eine Statue von Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha steht, besagtem deutschen Ehemann von Königin Victoria und Vater von König Edward II.

 

Coburg Stadthaus

 


KLEINER IMBISS GEFÄLLIG?


In den anderen Seitenstraßen lässt sich sicherlich auch so einiges entdecken, aber gehen wir nun weiter in die kleine Steingasse, die südöstlich vom Marktplatz abgeht. Ganz am Anfang der Steingasse befindet sich rechts eine winzige, rustikale Bäckerei. Deren Brote und Backwaren werden im traditionellen Holzofen gebacken – allerdings an einem anderen Ort. Vielleicht geht es euch wie mir und ihr bevorzugt diese immer seltener werdenden Traditionsbäckereien gegenüber den Großketten mit ihren Industrie- oder gar Tiefkühlprodukten. Zumindest ich bevorzuge lieber diese eher handgemachten Backwaren. Ich habe selbst einige Male in der Holzofen-Bäckerei eines Bekannten ausgeholfen.

Wenn euch mehr der Sinn nach einer warmen und/oder herzhaften Mahlzeit steht, müsst ihr nur die Steingasse ein paar Schritte weitergehen. Auf der Linken werdet ihr den Plattenladen Toxic Toast sehen. Im selben Gebäude befindet sich das bodenständige Lokal The Hungry Highlander, welches sehr zu empfehlen ist. Wenn ihr lieber in einem gehobenen Restaurant speisen möchtet, dann geht ein Stück weiter, biegt links in die Rückertstraße ein (übrigens entlang an der Ehrenburg) und in weniger als 100 Metern seid ihr beim Wirtshaus Loreley, einem historischen Gebäude von 1763. Aber für dieses Ambiente muss man etwas mehr zahlen. Wie das Essen dort ist, weiß ich allerdings nicht.

Übrigens kann man ja kaum über Essen reden, ohne auch Getränke zu erwähnen. Und was könnte deutscher sein als Bier nach dem deutschen Reinheitsgebot? In der Tat liegt Coburg in der Region mit der höchsten Brauereidichte der Welt. Franken beheimatet 267 verschiedene Brauereien, kleinere und größere; allein der Regierungsbezirk Oberfranken hat 155 Brauereien. Lustigerweise gibt es nur eine einzige Brauerei in der Stadt, nämlich das Brauhaus zu Coburg, welche sich in der Nägleinsgasse nordwestlich des Marktplatzes befindet.

 


CASIMIRIANUM & STADTKIRCHE

 

Casimirianum & Stadtkirche St. Moriz in Coburg

Wenn man die Steingasse bis zum The Hungry Highlander entlanggeht und dort rechts in das Mittlere Kirchgäßlein biegt, gelangt man nach nur wenigen Schritte zu oben abgebildeten Ort. Rechts sieht man das Renaissance-Steingebäude, das Gymnasium Casimirianum, welches 1605 von Herzog Casimir gegründet wurde. To the left is the town Stadtkirche Sankt Moriz. Die protestantische Kirche ist die älteste (noch bestehende) in Coburg, obwohl das Innere des gotischen Baus 1642 im Barock-Stil umdekoriert wurde. St. Moriz sticht auch wegen seiner zwei unterschiedlichen Türme hervor und Martin Luther gab hier einige Predigten. Außerdem beherbergt die Kirche die Familiengruft der Herzöge von Coburg sowie ein beeindruckendes 13 Meter hohes Alabaster-Grabmal.

 


SCHLOSSPLATZ

Schlossplatz Coburg mit Salzmarkt, Ehrenburg und Landestheater

Wenn man am Wirtshaus Loreley weitergeht, an weiteren alten Gebäuden entlang, kommt man an den Salzmarkt, welcher an der östlichen Seite des Schlossplatzes liegt. Auf dem Schlossplatz findet auch der Großteil des Samba-Festivals statt. An den Salzmarkt (Mitte des oberen Fotos) schließen sich im Uhrzeigersinn das neoklassische Landestheater Coburg und der Palais Edinburgh an, dann die in den Park hinaufführenden Arkaden, die Reithalle, der Marstall (übrigens ein sehr stattliches Gebäude) und natürlich das Residenzschloss.

Diese trägt den Namen Ehrenburg, weil sie angeblich komplett ohne Zwangsarbeit erbaut wurde – was in den 1540ern etwas Bedeutendes gewesen sein muss. Ehrenburg wird heutzutage als Bibliothek und Museum genutzt. Den Rest des Gebäudes kann fast täglich bei Besucherführungen besichtigt werden (bei vorheriger Anmeldung auch in Englisch). Wenn du das Glück hast, Coburg Anfang September zu besuchen, hast du vielleicht sogar die Gelegenheit, das Schloss während der „Nacht der Kontraste“ zu sehen, einer über die Stadt verteilten Kulturveranstaltung mit Illuminationen, Installationen, Ausstellungen und Musikprogramm.

 

Residenzschloss Ehrenburg Coburg

 


HOFGARTEN

 

Coburg Hofgarten mit Salzmarkt und Landestheater

Der Hofgarten beginnt östlich und oberhalb des Schlossplatzes. Den Berg hinauf kommt man am Reiterdenkmal von Herzog Ernst II. vorbei. Dort sitzen den ganzen Tag über Menschen, machen eine Pause, picknicken an sonnigen Tagen, spielen Frisbee oder sonnen sich. Gerade Abends kommen mehr junge Menschen hierhin, um etwas zu trinken – allerdings soll es ein Alkholverbot im Hofgarten geben. Wenn man jedoch das Stadtpanorama von dort oben sieht, versteht man, warum dies einer der beliebtesten Orte von Einheimischen wie auch Touristen ist.

Geht man den Berg immer weiter hinauf, gelangt man durchs Veilchental bis hinauf zur mittelalterlichen Veste Coburg, einer der größten Burgen Deutschlands. Sie thront auf dem Berggipfel, 167 Meter über der Stadt. Dieses beeindruckende Bauwerk, welches den Berg krönt, kann man kaum übersehen – von fast jedem Punkt der Stadt. Martin Luther lebte dort 1530 ein halbes Jahr lang, als er wegen Kirchenbann und Reichsacht in der Veste Zuflucht suchte, und setzte dort seine deutsche Bibelübersetzung fort.

Die Veste zu besuchen, sollte nicht nur für evangelische Besucher, sondern für jeden Touristen Pflicht sein. Einige der Kammern und Räume sind außergewöhnlich, insbesondere das Jagdzimmer, eine aus prächtigen Holzschnitzereien vertäfelte Prunkstube. Aber die drei Museen, die in der Veste angesiedelt sind, haben ebenfalls beachtliche Ausstellungen: Kunst, die größte Sammlung mittlealterlicher Rüstungen und Waffen in Deutschland sowie Gravuren, Dokumente, Münzen und Gläser. Man sollte also genügend Zeit mitbringen, um alles zu erkundschaften.

 

Veste Coburg, Fortress

 


DER HEILIGE MORITZ

 

Gullydeckel mit Coburgs Schutzapatron, dem heiligen Mauritius; gully cover with Saint Maurice portrait as a blackamoor

Überall im Städtchen sieht man Abbildungen eines Afrikaners, manchmal in voller Rüstung, manchmal als Profil stilisiert. So wird er auch im Stadtwappen dargestellt, welches auch auf Gullideckeln abgebildet ist. Seit angeblich 1493 besteht das Wappen fast ausschließlich aus dem Bildnis des Afrikaners, seit 1521 ist er im Stadtsiegel belegt. Es ist das Bildnis des Schutzpatrons von Coburg, dem Heiligen Mauritius oder Moritz, der seit dem 12. Jahrhundert nur als Mauretanier dargestellt, obwohl er aus Ägypten kam. In diesem eigentümlich historischen Kontext, wird der Heilige Mauritius auch heutzutage noch als „Coburger Mohr“ bezeichnet, ohne dass dies als besonders anstößig gilt.

 


MEINE ERKUNDUNGEN

 

Bauamt in einem Fachwerkhaus in Coburg

Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Coburgs abzuklappern, ist einfach, weil das Städtchen so klein ist. Es gibt bestimmt noch so einige Ecken mehr zu entdecken, zum Bespiel mehr Architektur von weiteren mittelalterliche Burgen über Jugendstil bis hin zu post-modernen Gebäuden.

Es scheint so, dass das Leben in Coburg ziemlich entspannt und gemäßigt ist. Die Bewohner mögen den historischen Reichtum in ihrem Alltag nicht so sehr schätzen, wie es Touristen tun werden. Nachtleben mag keine Stärke von Coburg sein, aber es gibt Bars und einige eher winzige Clubs. Dies ist nicht Berlin. Um ein größeres Konzert zu besuchen oder wildere Nächte zu erleben, muss man mindestens eine halbe Stunde in die nächstgrößere Stadt, Bamberg zu gelagen, oder eine Stunde nach Nürnberg, Bayerns zweitgrößte Stadt hinter München. Aber Coburg macht dies durch eine ziemlich hohe Lebensqualität, Parks und Natur, ein Kino, schicke Museen und solide Kulturveranstaltungen wett. Es gibt fast alles, was man zum täglichen Leben benötigt. Den Reichtum mehrt ein großes Versicherungsunternehmen, welches seit 1950 in Coburg ansässig ist und mehr als 12% der Bevölkerung Coburgs (und Umland) beschäftigt.

 


EMPFEHLUNG


Coburg könnte eine Reise wert sein, wenn du an mittelalterlichen Burgen und Festungen, historischer Architektur und/oder Samba interessiert bist. Es könnte sogar der richtige Ort für dich sein, wenn du einen ruhigen, wenn nicht gar beschaulichen Wohnort suchst.

 


KARTE


 


WEITERE FOTOS


Spitaltor in Coburgägyptische Sphinx-Figuren vor einem Mausoleum im Hofgarten in CoburgPferdehaus in CoburgFachwerkhäuser in der Brunngasse in Coburg

 

 

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